Zum Inhalt
freistoff

Figur

Der Struwwelpeter

Heinrich Hoffmann (1809–1894) · erster Auftritt: Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren, 1845

Der Junge mit den ungeschnittenen Nägeln und Haaren und die Kinder, die nicht folgen — ein Arzt schrieb es 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen Sohn.

  • Typ Kind
  • Motiv Die Strafe
  • Motiv Die Warnung
  • Epoche Vormärz
Der Struwwelpeter in Hoffmanns Neuzeichnung von 1858 — hier aus der 400. Auflage, 1917
Der Struwwelpeter in Hoffmanns Neuzeichnung von 1858 — hier aus der 400. Auflage, 1917Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons

Die Figur und die anderen Kinder

Im Dezember 1844 fand der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann kein passendes Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn Carl und zeichnete selbst eines. Darin stehen Kinder, die nicht folgen, und was ihnen dafür passiert: der Suppen-Kaspar isst nicht und verhungert, dem Daumenlutscher Konrad schneidet der Schneider die Daumen ab, der böse Friederich wird vom Hund gebissen, und der wilde Jäger muss vor dem Hasen mit seiner eigenen Flinte fliehen. Der Struwwelpeter selbst lässt sich Haare und Nägel nicht schneiden.

Wie das Buch entstand

1871 erzählte Hoffmann in der Gartenlaube, wie es dazu kam: In der Stadt fand er nur „lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten“, und zuletzt ein Foliobuch, in dem eine Bank, ein Stuhl, ein Topf abgebildet waren, jeweils mit dem Vermerk „die Hälfte, ein Drittel, oder ein Zehntel der natürlichen Größe“ — „da war es mit meiner Geduld aus“. Er kaufte ein leeres Schreibheft, schrieb Reime hinein und zeichnete die Bilder „mit derselben Feder und Tinte“. Viele Szenen kannte er aus der Praxis: als Arzt mit Kindern von drei bis sechs, denen man mit dem Doktor und dem Schornsteinfeger drohte.

Das Heft machte im Freundeskreis Aufsehen, und der befreundete Verleger Zacharias Löwenthal, später Carl Friedrich Loening, überredete Hoffmann zum Druck. 1845 erschien es als Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren, unter dem Namen „Reimerich Kinderlieb“, mit sechs Geschichten und dem Struwwelpeter auf der letzten Seite. Erst ab 1847 hiess das Buch Struwwelpeter. In späteren Auflagen kamen Paulinchen mit dem Feuerzeug, der Zappel-Philipp, Hanns Guck-in-die-Luft und der fliegende Robert dazu, und seit 1858 erschien es mit neu gezeichneten Bildern.

Was die Geschichten mitgenommen haben

Zappelphilipp, Suppenkaspar und Hanns Guck-in-die-Luft sind in die Umgangssprache eingegangen. Die Geschichte vom Suppen-Kaspar gilt als erste Beschreibung der Magersucht in der Literatur; der Zappel-Philipp gab der Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität im deutschen Sprachraum den Beinamen „Zappelphilipp-Syndrom“. Als Vorbild meldete sich später der Frankfurter Arzt Philipp Julius von Fabricius selbst; sein Grab ist seit 2024 ein Ehrengrab der Stadt. Die Initiative für brandverletzte Kinder „Paulinchen“ trägt ihren Namen nach der Geschichte mit dem Feuerzeug.

Bis heute erschienen über 540 Auflagen, das Buch wurde in sehr viele Sprachen übersetzt, vertont, verfilmt und in Blindenschrift gedruckt. Seit 1977 hat Frankfurt ein Struwwelpeter-Museum.

Was davon frei ist, und was nicht

Hoffmann starb 1894; alles von ihm ist frei, die Erstausgabe und die Fassung von 1917 stehen auf Wikisource. Mark Twains Übersetzung „Slovenly Peter“ ist in Europa frei, in den USA erschien sie erst 1935.

Das Buch wird seit langem kritisiert, als Strafpädagogik, die mit Angst arbeitet — andere lesen es als schwarzen Humor. Und einzelne Geschichten, etwa die von den schwarzen Buben, arbeiten mit Bildern ihrer Zeit, die man heute einordnen muss; ihre Tafeln zeigt diese Seite nicht. Wer den Struwwelpeter neu erzählt, kann all das aufnehmen; Parodien gibt es seit dem „Struwwelhitler“ von 1941.

Aus dem Text

Wörtlich aus der gemeinfreien Fassung — frei zum Zitieren, Vorlesen und Weiterverwenden.

Wenn die Kinder artig sind, / Kommt zu ihnen das Christkind.
Der Vorspruch — Erstausgabe 1845 — Text bei Wikisource
Sieh einmal, hier steht er, / Pfui! der Struwwelpeter! / An den Händen beiden / Ließ er sich nicht schneiden / Seine Nägel fast ein Jahr; / Kämmen ließ er nicht sein Haar.
Der Struwwelpeter — Erstausgabe 1845 — Text bei Wikisource
„Ich esse keine Suppe! Nein! / Ich esse meine Suppe nicht! / Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“
Die Geschichte vom Suppen-Caspar — Erstausgabe 1845 — Text bei Wikisource
Konrad! sprach die Frau Mama, / Ich geh’ aus und du bleibst da.
Die Geschichte vom Daumen-Lutscher — Erstausgabe 1845 — Text bei Wikisource
„Ob der Philipp heute still / Wohl bei Tische sitzen will?“
Die Geschichte vom Zappel-Philipp — 400. Auflage 1917 — Text bei Wikisource
Und die Mutter blickte stumm / Auf dem ganzen Tisch herum.
Die Geschichte vom Zappel-Philipp — 400. Auflage 1917 — Text bei Wikisource
Wenn der Hanns zur Schule ging, / Stets sein Blick am Himmel hing.
Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft — 400. Auflage 1917 — Text bei Wikisource
Als ich damals heimkam, hatte ich aber doch ein Buch mitgebracht; ich überreichte es meiner Frau mit den Worten: ‚Hier ist das gewünschte Buch für den Jungen!‘ Sie nahm es und rief verwundert: ‚Das ist ja ein Schreibheft mit leeren weißen Blättern!‘
Hoffmann über die Entstehung, Die Gartenlaube 1871, Heft 46 — Text bei Wikisource

Mehr Bilder, alle gemeinfrei

Umschlag der Erstausgabe: „Lustige Geschichten und drollige Bilder … für Kinder von 3–6 Jahren“, Frankfurt 1845
Umschlag der Erstausgabe: „Lustige Geschichten und drollige Bilder … für Kinder von 3–6 Jahren“, Frankfurt 1845Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Der Struwwelpeter in der Erstausgabe, 1845 — damals noch auf der letzten Seite
Der Struwwelpeter in der Erstausgabe, 1845 — damals noch auf der letzten SeiteHeinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Die Geschichte vom bösen Friederich — Erstausgabe 1845
Die Geschichte vom bösen Friederich — Erstausgabe 1845Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Der Hase dreht den Spiess um: die Geschichte vom wilden Jäger — Erstausgabe 1845
Der Hase dreht den Spiess um: die Geschichte vom wilden Jäger — Erstausgabe 1845Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Die Geschichte vom Suppen-Caspar — Erstausgabe 1845
Die Geschichte vom Suppen-Caspar — Erstausgabe 1845Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Der Schneider mit der Schere: die Geschichte vom Daumen-Lutscher — Erstausgabe 1845
Der Schneider mit der Schere: die Geschichte vom Daumen-Lutscher — Erstausgabe 1845Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Umschlag der 400. Auflage, Rütten & Loening, Frankfurt 1917
Umschlag der 400. Auflage, Rütten & Loening, Frankfurt 1917Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Paulinchen und das Feuerzeug, eine der später hinzugekommenen Geschichten — Ausgabe 1917
Paulinchen und das Feuerzeug, eine der später hinzugekommenen Geschichten — Ausgabe 1917Heinrich Hoffmann, 1858 · Public domain · Commons
Der Zappel-Philipp reisst das Tischtuch mit — Ausgabe 1917
Der Zappel-Philipp reisst das Tischtuch mit — Ausgabe 1917Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Hanns Guck-in-die-Luft fällt ins Wasser — Ausgabe 1917
Hanns Guck-in-die-Luft fällt ins Wasser — Ausgabe 1917Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Der fliegende Robert — Ausgabe 1917
Der fliegende Robert — Ausgabe 1917Heinrich Hoffmann · Public domain · Commons
Heinrich Hoffmann, Arzt und Psychiater in Frankfurt
Heinrich Hoffmann, Arzt und Psychiater in Frankfurtunbekannt · Public domain · Commons

Was davon frei ist

Nicht die Figur ist frei oder geschützt, sondern jede Schicht für sich: der Text, die Zeichnungen, eine Übersetzung, ein Film, eine Marke. Die Tabelle zerlegt das, mit Beleg je Zeile.

SchichtCHDEATUS
Verse und BilderHeinrich Hoffmann († 1894), zuerst unter dem Namen „Reimerich Kinderlieb“ · 1845, neu gezeichnet 1858Der Struwwelpeter — Volltextfreifreifreifrei
Die englische Übersetzung „Slovenly Peter“Mark Twain († 1910) · geschrieben 1891, erschienen 1935Twains Text ist in Europa frei. Die Ausgabe erschien in den USA erst 1935, und dort zählt das Erscheinungsjahr: noch bis Ende 2030 geschützt, falls die Registrierung erneuert wurde.Der Struwwelpeterfreifreifreigeschützt bis Ende 2030
Die Parodie „Struwwelhitler“Robert und Philip Spence · 1941Die Lebensdaten der Brüder Spence sind nicht gesichert belegt; ohne Todesjahr lässt sich die Frist nicht rechnen.Struwwelpeter — Parodienoffenoffenoffenoffen
Das Musical „Shockheaded Peter“Julian Crouch, Phelim McDermott, Musik Martyn Jacques · 1998Ein Werk von heute: geschützt, auch wenn Hoffmanns Vorlage frei ist.Struwwelpeter — Bearbeitungengeschütztgeschütztgeschütztgeschützt

Gerechnet für das Jahr 2026. CH, DE, AT: 70 Jahre nach dem Tod, gerechnet ab dem 31. Dezember; USA: bis 1977 veröffentlicht: 95 Jahre ab Veröffentlichung (17 U.S.C. § 304); bis 1963 bei US-Werken nur mit erneuerter Registrierung, ausländische Werke sind seit 1996 auch ohne Erneuerung geschützt (§ 104A). „frei" ohne Jahr heisst: frei, aber das Jahr folgt nicht sicher aus der heutigen Regel, weil die Fristen früher kürzer waren. „offen" heisst: die Rechnung reicht nicht, der Grund steht in der Zeile.

Daraus wurde schon gemacht

Weiterstöbern

Quellen

Stand 29. September 2026. Wikidata: Q27912. Keine Rechtsberatung — wie wir prüfen.