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Stoff

Rotkäppchen

Stoff ohne einzelne Urheber:in · 10 Fassungen und Schichten

Das Mädchen mit der roten Kappe, der Wolf und die Grossmutter — ein Märchen, das bei Perrault schlecht ausgeht und erst bei Grimm gut.

  • Typ Kind
  • Typ Tier
  • Motiv Der Wolf
  • Motiv Die Warnung
  • Motiv Vom Weg abkommen
  • Epoche Frühe Neuzeit bis Gegenwart
Rotkäppchen staunt, wie die Grossmutter aussieht — Gustave Doré, 1862
Rotkäppchen staunt, wie die Grossmutter aussieht — Gustave Doré, 1862Gustave Doré · Public domain · Commons

Der Stoff

Ein Mädchen mit roter Kappe soll der kranken Grossmutter Kuchen und Wein bringen. Im Wald lockt es der Wolf vom Weg, damit es Blumen pflückt, läuft voraus, frisst die Grossmutter und legt sich in ihr Bett. Als das Mädchen kommt, frisst er auch sie. Bei Charles Perrault (1697) endet die Geschichte hier, mit einer Moral für junge Frauen. Bei den Brüdern Grimm (1812) kommt ein Jäger, schneidet beide lebend aus dem Bauch des Wolfs und füllt ihn mit Steinen.

Das gute Ende ist nicht alt: die Grimms haben es aus einem anderen Märchen übernommen, dem vom Wolf und den sieben jungen Geisslein. In der Märchenforschung trägt der Stoff die Nummer ATU 333.

Wie das Märchen zu den Grimms kam

Älter als jede gedruckte Fassung sind mündliche Erzählungen, etwa „La finta nonna“, die falsche Grossmutter, die in Italien schon im 14. Jahrhundert erzählt wurde; ähnliche Geschichten kennt man aus China, Korea und Japan. Gedruckt hat es zuerst Charles Perrault 1697, als Warnung an junge Mädchen, mit einer gereimten Moral am Ende: die sanften, zutraulichen Wölfe seien die gefährlichsten. Ludwig Tieck machte daraus 1800 eine Tragödie.

Die Grimms hörten die Geschichte von Jeanette und Marie Hassenpflug — und über sie kam Perraults Fassung auf Umwegen in die Kinder- und Hausmärchen. 1812 erschien sie im ersten Band als Nummer 26. Die Grimms merkten selbst an, sie hätten das Märchen „nirgends angetroffen, als bei Perrault“. Sie überarbeiteten es bis zur Ausgabe letzter Hand 1857; dort nennt der Jäger den Wolf „du alter Sünder“. Schon 1812 steht dahinter eine zweite, kürzere Fortsetzung: ein anderer Wolf lauert, Rotkäppchen bleibt auf dem Weg, und der Wolf ertrinkt im Wursttrog.

Das Rotkäppchen im Bild

Bei den Grimms war die Kappe aus rotem Samt, ein Geschenk der Grossmutter. Die ersten Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen hatten gar keine Bilder. Die Bilderbogen aus Épinal erzählten die Geschichte in zwanzig Feldern, Walter Crane machte 1875 ein farbiges Bilderbuch daraus, mit einem Wolf im Schafspelz. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts trägt Rotkäppchen oft die Schwälmer Tracht — Hessen wurde so zum „Rotkäppchenland“.

Was davon frei ist, und was nicht

Perrault, Tieck, die Grimms, die Bilderbogen aus Épinal, Dorés und Walter Cranes Bilder sind seit langem frei, Rackhams seit 2010, Otto Kubels seit 2022. Die Grimm-Fassung gibt es in mehreren Schichten, von 1812 bis 1857, und alle stehen auf Wikisource; wer zitiert, sagt besser, aus welcher.

Nicht frei sind die modernen Umdeutungen: Tex Averys „Red Hot Riding Hood“ von 1943, der das Mädchen zur Nachtclubsängerin macht, bleibt in der Schweiz bis Ende 2050 geschützt, und „Die Zeit der Wölfe“ nach Angela Carter ist ein Werk von heute.

Aus dem Text

Wörtlich aus der gemeinfreien Fassung — frei zum Zitieren, Vorlesen und Weiterverwenden.

Il estoit une fois une petite fille de Vilage, la plus jolie qu’on eut sçû voir ; sa mere en estoit folle, & sa mere grand plus folle encore.
Perrault, der Anfang — Histoires ou Contes du temps passé, 1697 — Text bei Wikisource
Ma mere-grand, que vous avez de grandes dens ! c’est pour te manger. Et, en disant ces mots, ce méchant loup se jetta sur le petit chaperon rouge, & la mangea.
Perrault, das Ende: „Grossmutter, was hast du für grosse Zähne! — Damit ich dich fressen kann.“ Und er frass sie. 1697 — Text bei Wikisource
Mais, hélas ! qui ne sçait que ces loups doucereux, / De tous les loups sont les plus dangereux.
Perraults Moral, gerichtet an „jeunes filles“: die sanften Wölfe sind die gefährlichsten. 1697 — Text bei Wikisource
Es war einmal eine kleine süße Dirn, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter
Grimm, der Anfang — Kinder- und Hausmärchen, Erstausgabe 1812, Nr. 26 — Text bei Wikisource
„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Daß ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Daß ich dich besser sehen kann.“
Grimm, Ausgabe letzter Hand 1857 — Text bei Wikisource
„Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Daß ich dich besser fressen kann.“
Grimm, 1857 — Text bei Wikisource
„Finde ich dich hier, du alter Sünder,“ sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“
Der Jäger, den es bei Perrault nicht gibt — Grimm, 1857 — Text bei Wikisource
Rothkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“
Grimm, 1857 — Text bei Wikisource

Mehr Bilder, alle gemeinfrei

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Die ganze Geschichte auf einem Bilderbogen: Image d’Épinal, Pellerin, 1843unbekannt, 1843 · Public domain · Commons
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Der Abschied an der Tür — Otto Kubel, vor 1919Otto Kubel (1868 – 1951) · Public domain · Commons

Was davon frei ist

Nicht die Figur ist frei oder geschützt, sondern jede Schicht für sich: der Text, die Zeichnungen, eine Übersetzung, ein Film, eine Marke. Die Tabelle zerlegt das, mit Beleg je Zeile.

SchichtCHDEATUS
Le Petit Chaperon rougeCharles Perrault († 1703) · 1697Rotkäppchenfreifreifreifrei
Leben und Tod des kleinen Rothkäppchens, TragödieLudwig Tieck († 1853) · 1800Rotkäppchenfreifreifreifrei
Rothkäppchen, Kinder- und Hausmärchen Nr. 26Jacob († 1863) und Wilhelm Grimm († 1859) · 1812, Ausgabe letzter Hand 1857Rothkäppchen (1857)freifreifreifrei
Die Illustrationen zu Perraults MärchenGustave Doré († 1883) · 1862GustaveDore She was astonished to see how her grandmother looked.1.jpgfreifreifreifrei
Das Bilderbuch von Walter CraneWalter Crane († 1915) · 1875RRH Walter Crane 1875.jpgfreifreifreifrei
Die Bilder von Carl OffterdingerCarl Offterdinger († 1889)Offterdinger starb 1889; alles von ihm erschien zu Lebzeiten und damit vor 1931.Offterdinger Rotkappchen (1).jpgfreifreifreifrei
Die Bilder von Otto KubelOtto Kubel († 1951) · vor 1919Little Red Riding Hood Otto Kubel.jpgfrei seit 2022frei seit 2022frei seit 2022frei
Die Illustration von Arthur RackhamArthur Rackham († 1939) · vor 1909Arthur Rackham Little Red Riding Hood.jpgfreifreifreifrei
Red Hot Riding Hood, ZeichentrickfilmTex Avery († 1980), MGM · 1943Red Hot Riding Hoodgeschützt bis Ende 2050geschützt bis Ende 2050geschützt bis Ende 2050geschützt bis Ende 2038
Die Zeit der Wölfe, Film nach Angela CarterRegie Neil Jordan, Drehbuch mit Angela Carter († 1992) · 1984Der Regisseur lebt; der Film ist überall geschützt.The Company of Wolvesgeschütztgeschütztgeschütztgeschützt

Gerechnet für das Jahr 2026. CH, DE, AT: 70 Jahre nach dem Tod, gerechnet ab dem 31. Dezember; USA: bis 1977 veröffentlicht: 95 Jahre ab Veröffentlichung (17 U.S.C. § 304); bis 1963 bei US-Werken nur mit erneuerter Registrierung, ausländische Werke sind seit 1996 auch ohne Erneuerung geschützt (§ 104A). „frei" ohne Jahr heisst: frei, aber das Jahr folgt nicht sicher aus der heutigen Regel, weil die Fristen früher kürzer waren. „offen" heisst: die Rechnung reicht nicht, der Grund steht in der Zeile.

Daraus wurde schon gemacht

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Quellen

Stand 29. September 2026. Wikidata: Q11838. Keine Rechtsberatung — wie wir prüfen.