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Stoff

Faust

Stoff ohne einzelne Urheber:in · 10 Fassungen und Schichten

Der Gelehrte, der sich dem Teufel verschreibt, um alles zu wissen und zu erleben — ein Stoff, den seit 1587 jede Epoche neu erzählt.

  • Typ Gelehrter
  • Typ Teufelsbündner
  • Motiv Pakt mit dem Teufel
  • Motiv Wissensdurst
  • Motiv Der Verführer
  • Epoche Frühe Neuzeit bis Gegenwart
Mephisto über der Stadt — Eugène Delacroix, Lithografie zu Goethes Faust, 1828
Mephisto über der Stadt — Eugène Delacroix, Lithografie zu Goethes Faust, 1828Eugène Delacroix, 1828 · CC0 · Commons

Der Stoff

Den Faust hat es gegeben. Georg Faust lebte ungefähr von 1480 bis 1541, zog als Wunderheiler, Alchemist, Astrologe und Wahrsager umher und starb wahrscheinlich in oder bei Staufen im Breisgau. Als Geburtsort gilt meist Knittlingen, wo heute ein Faust-Museum steht; genannt werden auch andere Orte. Anders als Agrippa, Trithemius oder Paracelsus war er vor allem als Praktiker bekannt. Von einem „Johann Faust“ schrieb man erst mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod.

Volksbuch und Marlowe

1587 erschien in Frankfurt am Main bei Johann Spies, ohne Verfasser, die Historia von D. Johann Fausten: die Geschichte des Gelehrten, der sich dem Teufel verschreibt und am Ende geholt wird. Das Titelblatt widmet sie „allen hochtragenden / fürwitzigen vnnd Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beyspiel / abschewlichem Exempel / vnnd trewhertziger Warnung“. Das Buch wurde rasch ins Englische übertragen, und nach dieser Übersetzung schrieb Christopher Marlowe sein Drama, gedruckt 1604. Englische Schauspieltruppen brachten es zurück nach Deutschland.

In Auerbachs Keller in Leipzig, heute die zweitälteste Gaststätte der Stadt, hängt seit etwa 1625 ein Tafelbild: Faust mit seinem Pudel, zechend mit Studenten. Goethe studierte von 1765 bis 1768 in Leipzig und ging regelmässig dort hin.

Goethes Faust

Goethe trug den Stoff sein Leben lang mit sich. Eine frühe Fassung, heute Urfaust genannt, entstand um 1775; 1790 erschien Faust. Ein Fragment; der erste Teil 1808 bei Cotta in Tübingen, der zweite 1832, einige Monate nach Goethes Tod, „vollendet im Sommer 1831“, wie das Titelblatt sagt.

Den Rahmen setzt der Prolog im Himmel: Mephisto wettet mit dem Herrn um Fausts Seele, nach dem Muster der Wette um Hiob. Auf der Erde schliesst Faust seine eigene Wette mit Mephisto: Wenn er je zu einem Augenblick sagt „Verweile doch! du bist so schön!“, gehört er ihm. Dazwischen liegt die Gretchentragödie: Faust verführt Margarete, sie wird schuldig und endet im Kerker. Goethe verband so Fausts Suche nach Erkenntnis mit einer Liebesgeschichte, die der alte Stoff nicht kannte. Am Ende des zweiten Teils sagt Faust die Worte der Wette — und wird trotzdem gerettet.

Faust I gilt als eines der bedeutendsten und meistzitierten Werke der deutschen Literatur. Was man heute sagt, ohne an Goethe zu denken — des Pudels Kern, die Gretchenfrage, zwei Seelen in einer Brust —, steht hier oben im Original, jeweils mit der Seite der Erstausgabe.

Faust in Bildern

Rembrandts Radierung eines Gelehrten, der von einer leuchtenden Erscheinung aufblickt, entstand um 1652 und ist unter dem Namen „Faust“ bekannt. Eugène Delacroix zeichnete 1828 eine Folge von Lithografien zu Goethes Faust, dunkel, bewegt, mit einem Mephisto, der über den Dächern fliegt. Harry Clarke illustrierte 1925 eine englische Ausgabe mit acht Farbtafeln und über 70 Bildern in Schwarzweiss, fast ornamental.

Auf Bühne und Leinwand

Charles Gounods Oper, uraufgeführt am 19. März 1859 am Théâtre Lyrique in Paris, macht aus dem Stoff vor allem die Geschichte von Faust und Marguerite. F. W. Murnau drehte 1926 für die Ufa Faust — eine deutsche Volkssage mit Gösta Ekman als Faust, Emil Jannings als Mephisto und Camilla Horn als Gretchen. Es war die aufwendigste und teuerste Ufa-Produktion, bis Metropolis sie im Jahr darauf übertraf, und zuerst ein Misserfolg. 1947 machte Thomas Mann aus dem Stoff den Roman über den Komponisten Adrian Leverkühn, und 1960 wurde die Hamburger Inszenierung mit Gustaf Gründgens als Mephisto verfilmt.

Was davon frei ist, und was nicht

Den Stoff selbst, den Pakt, den Gelehrten, den Teufel, kann niemand besitzen. Frei oder geschützt sind die Fassungen, jede für sich. Wer heute einen Faust schreibt, darf aus dem Volksbuch, aus Marlowe, aus Goethe und aus Gounods Libretto nehmen, was er will, im Wortlaut der alten Drucke oder in einer Übersetzung, deren Frist abgelaufen ist. Dasselbe gilt für die Bilder von Rembrandt, Delacroix und Harry Clarke.

Zwei Fassungen zeigen, wie verschieden gerechnet wird. Murnaus Film ist in der Schweiz frei, weil dort beim Film nur die Regie zählt und Murnau 1931 starb. In Deutschland zählt auch eigens komponierte Filmmusik, und Werner Richard Heymann, der die Musik zur Uraufführung schrieb, starb erst 1961. Ob diese Musik dort zum Film zählt, ist offen; falls ja, bliebe der Film in Deutschland bis Ende 2031 geschützt. Wer ihn mit Heymanns Musik zeigt, braucht dafür in jedem Fall eine Erlaubnis, denn die Musik ist ein eigenes Werk. Ob heutige restaurierte Fassungen eigene Rechte tragen, ist ebenfalls offen. Thomas Manns Doktor Faustus ist seit dem 1. Januar 2026 frei, in den USA dagegen voraussichtlich erst 2043, weil dort das Erscheinungsjahr 1947 zählt.

Eine Falle liegt im Bücherregal: Goethes Text ist frei, eine heutige Studienausgabe nicht unbedingt. Kommentar und Einleitung sind eigene Werke. Wer abschreiben will, nimmt einen alten Druck, das Deutsche Textarchiv oder Wikisource.

Aus dem Text

Wörtlich aus der gemeinfreien Fassung — frei zum Zitieren, Vorlesen und Weiterverwenden.

Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerey und Medicin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studirt, mit heißem Bemühn. / Da steh’ ich nun, ich armer Thor! / Und bin so klug als wie zuvor;
Der Anfang. Faust I, Nacht — Erstausgabe 1808, S. 33
Daß ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält,
Faust I, Nacht — Erstausgabe 1808, S. 34
Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen;
Faust zu Wagner. Faust I, Vor dem Thor — Erstausgabe 1808, S. 73
Das also war des Pudels Kern!
Faust, als der Pudel sich verwandelt. Faust I, Studirzimmer — Erstausgabe 1808, S. 85
Ein Theil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Mephisto stellt sich vor. Faust I, Studirzimmer — Erstausgabe 1808, S. 86
Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Die Wette. Faust I, Studirzimmer — Erstausgabe 1808, S. 106
Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, / Und grün des Lebens goldner Baum.
Mephisto zum Schüler. Faust I, Studirzimmer — Erstausgabe 1808, S. 124
Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?
Die Gretchenfrage. Faust I, Marthens Garten — Erstausgabe 1808, S. 226
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön!
Fausts letzte Worte. Faust II, Großer Vorhof des Palasts — Erstdruck 1832, S. 321
Wer immer strebend sich bemüht / Den können wir erlösen;
Die Engel tragen Faustens Unsterbliches. Faust II, Bergschluchten — Erstdruck 1832, S. 336
Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.
Die letzten Verse. Faust II, Bergschluchten — Erstdruck 1832, S. 344
Was this the face that launch'd a thousand ships, / And burnt the topless towers of Ilium?— / Sweet Helen, make me immortal with a kiss.
Faustus zu Helena. Marlowe, Doctor Faustus, nach dem Quarto von 1604 — Project Gutenberg

Mehr Bilder, alle gemeinfrei

Titelblatt des Volksbuchs: „Historia Von D. Johann Fausten / dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkünstler“, Frankfurt am Main 1587
Titelblatt des Volksbuchs: „Historia Von D. Johann Fausten / dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkünstler“, Frankfurt am Main 1587unbekannt; gedruckt bei Johann Spies, 1587 · Public domain · Commons
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Johann Wolfgang von Goethe — Joseph Karl Stieler, 1828
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Faust, Mephisto und der Pudel — Eugène Delacroix, 1828
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Faust spricht Margarete auf der Strasse an, Mephisto dahinter — Eugène Delacroix
Faust spricht Margarete auf der Strasse an, Mephisto dahinter — Eugène DelacroixEugène Delacroix, 1825–27 · CC0 · Commons
Faust bei Margarete im Kerker — Eugène Delacroix, 1828
Faust bei Margarete im Kerker — Eugène Delacroix, 1828Eugène Delacroix, 1828 · CC0 · Commons
Faust und Mephisto im Harz, auf dem Weg zur Walpurgisnacht — Eugène Delacroix
Faust und Mephisto im Harz, auf dem Weg zur Walpurgisnacht — Eugène DelacroixEugène Delacroix, 1825–27 · CC0 · Commons
Plakat zu Gounods Oper am Théâtre Lyrique, Paris 1859
Plakat zu Gounods Oper am Théâtre Lyrique, Paris 1859T. Laval, Lithograf, 1859 · Public domain · Commons
Umschlag der Ausgabe mit Bildern von Harry Clarke, 1925
Umschlag der Ausgabe mit Bildern von Harry Clarke, 1925Harry Clarke · Public domain · Commons
Eine Bildseite aus der Ausgabe von Harry Clarke, 1925
Eine Bildseite aus der Ausgabe von Harry Clarke, 1925Harry Clarke · Public domain · Commons
Gösta Ekman als Faust in Murnaus Film, 1926
Gösta Ekman als Faust in Murnaus Film, 1926unbekannt, 1926 · Public domain · Commons
Camilla Horn als Gretchen in Murnaus Film, 1926
Camilla Horn als Gretchen in Murnaus Film, 1926unbekannt, 1927 · Public domain · Commons
Amerikanische Anzeige für Murnaus Faust mit Emil Jannings, Film Daily, Dezember 1926
Amerikanische Anzeige für Murnaus Faust mit Emil Jannings, Film Daily, Dezember 1926Metro-Goldwyn-Mayer (U.S. distributor) · Public domain · Commons

Was davon frei ist

Nicht die Figur ist frei oder geschützt, sondern jede Schicht für sich: der Text, die Zeichnungen, eine Übersetzung, ein Film, eine Marke. Die Tabelle zerlegt das, mit Beleg je Zeile.

SchichtCHDEATUS
Historia von D. Johann Fausten, das Volksbuchanonym, gedruckt bei Johann Spies, Frankfurt am Main · 1587Anonym erschienen. Bei unbekannter Urheberschaft läuft die Frist ab der Veröffentlichung (URG Art. 31) — hier seit Jahrhunderten abgelaufen.Historia von D. Johann Faustenfreifreifreifrei
The Tragical History of Doctor Faustus, DramaChristopher Marlowe († 1593) · Erstdruck 1604Die tragische Historie vom Doktor Faustusfreifreifreifrei
Faust I und Faust IIJohann Wolfgang von Goethe († 1832) · 1808 und 1832Faust — Der Tragödie erster und zweiter Teilfreifreifreifrei
Die Faust-LithografienEugène Delacroix († 1863) · 1828Eugène Delacroix — Illustrations for Faust (1933.145)freifreifreifrei
Die Ausgabe mit Bildern von Harry ClarkeHarry Clarke († 1931), englischer Text von Bayard Taylor († 1878) · 1925Harry Clarkefreifreifreifrei seit 2021
Heutige Studienausgaben von Goethes FaustHerausgeber:innen und Kommentator:innenGoethes Text ist frei, eine heutige Ausgabe nicht unbedingt: Kommentare und Einleitungen sind eigene Werke, und in Deutschland ist eine wissenschaftlich erarbeitete Textfassung 25 Jahre geschützt (UrhG § 70). Wer abschreibt, nimmt einen alten Druck oder Wikisource.UrhG § 70 — Wissenschaftliche Ausgabenoffenoffenoffenoffen
Faust, Oper nach Goethes Faust ICharles Gounod († 1893), Libretto Jules Barbier († 1901) und Michel Carré († 1872) · 1859Faust (Gounod)freifreifreifrei
Faust — eine deutsche Volkssage, StummfilmRegie F. W. Murnau († 1931), Drehbuch Hans Kyser († 1940), Musik zur Uraufführung Werner Richard Heymann († 1961) · 1926In der Schweiz zählt beim Film nur die Regie, und Murnau starb 1931. In Deutschland zählt auch eigens komponierte Filmmusik (UrhG § 65 Abs. 2). Heymann starb 1961; ob seine Musik zur Uraufführung des Stummfilms dazu zählt, ist offen. Falls ja, wäre der Film dort bis Ende 2031 geschützt.Faust — eine deutsche Volkssagefreioffenoffenfrei seit 2022
Doktor Faustus, RomanThomas Mann († 1955) · 1947Doktor Faustusfrei seit 2026frei seit 2026frei seit 2026geschützt bis Ende 2042
Faust, Verfilmung der Hamburger Inszenierung von Gustaf GründgensRegie Peter Gorski († 2007) · 1960Faust (1960)geschützt bis Ende 2077geschützt bis Ende 2077geschützt bis Ende 2077geschützt bis Ende 2055

Gerechnet für das Jahr 2026. CH, DE, AT: 70 Jahre nach dem Tod, gerechnet ab dem 31. Dezember; USA: bis 1977 veröffentlicht: 95 Jahre ab Veröffentlichung (17 U.S.C. § 304); bis 1963 bei US-Werken nur mit erneuerter Registrierung, ausländische Werke sind seit 1996 auch ohne Erneuerung geschützt (§ 104A). „frei" ohne Jahr heisst: frei, aber das Jahr folgt nicht sicher aus der heutigen Regel, weil die Fristen früher kürzer waren. „offen" heisst: die Rechnung reicht nicht, der Grund steht in der Zeile.

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Quellen

Stand 29. September 2026. Keine Rechtsberatung — wie wir prüfen.