Wilhelm Tell
Stoff ohne einzelne Urheber:in · 10 Fassungen und Schichten
Der Armbrustschütze, der den Hut des Landvogts nicht grüsst und einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiesst — die Schweizer Gründungssage.
- Typ Held
- Typ Rebell
- Motiv Der Apfelschuss
- Motiv Widerstand gegen die Obrigkeit
- Epoche Spätmittelalter bis Gegenwart

Der Stoff
Der Landvogt Gessler lässt in Altdorf einen Hut auf eine Stange stecken, den jeder grüssen muss. Tell geht vorbei, ohne zu grüssen, und muss zur Strafe einen Apfel vom Kopf seines Kindes schiessen. Er trifft, gibt aber zu, dass ein zweiter Pfeil dem Vogt gegolten hätte. Auf dem Weg in die Haft rettet er sich im Sturm auf dem See mit einem Sprung auf die Tellsplatte und erschiesst Gessler später in der Hohlen Gasse bei Küssnacht.
Wie die Sage aufgeschrieben wurde
Zum ersten Mal steht die Geschichte im Weissen Buch von Sarnen, einem Kopialbuch, das der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber zwischen 1470 und 1472 anlegte und 1474 ergänzte — rund 150 Jahre nach den Ereignissen, die sie erzählt. Den grössten Teil füllen Abschriften von Bündnissen und Verträgen; erst am Schluss, auf 24 Seiten, folgt eine Chronik: die Gewalttaten der Vögte, Tell, der Rütlischwur, der Burgenbruch. Hier erscheinen Tell und der Rütlischwur zum ersten Mal, und hier wurden die Erzählungen erstmals zu einer Geschichte der Befreiung zusammengefügt. Der Held heisst im Weissen Buch noch „der Thäll“ oder „der Tall“, und sein Kind hat kein Geschlecht. Die Handschrift liegt heute im Staatsarchiv Obwalden; seinen Namen hat das Buch vom weissen Einband aus Schweinsleder, der erst aus dem 17. Jahrhundert stammt.
Um 1477 taucht Tell im Tellenlied auf, dem „Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft“: hier ist das Kind ausdrücklich ein Sohn, und Tell heisst „der erste Eidgenoss“. Ab 1512 spielte man die Sage in der Innerschweiz auf der Bühne; das Urner Tellenspiel, vermutlich im Winter 1512/13 in Altdorf aufgeführt, ist das älteste erhaltene Stück. 1507 erschien Petermann Etterlins Kronica, die erste gedruckte Schweizer Chronik, mit dem Apfelschuss als Holzschnitt — die älteste datierte Darstellung der Sage. Den Vornamen Wilhelm und die Jahreszahl 1307 fügte Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert hinzu; den Vornamen nahm er aus dem Tellenlied. Die Namen Walther für den Sohn und Hermann für Gessler kamen erst mit Schiller.
Ein Held, den es wohl nicht gab
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gilt Tell in der Geschichtswissenschaft als Sagenfigur: es fehlen zeitgenössische Belege. Und der Apfelschuss ist älter als die Schweiz: Saxo Grammaticus erzählt ihn um 1200 vom dänischen Schützen Toko, samt zweitem Pfeil, und das Weisse Buch hat ihn von dort.
Schillers Tell
Goethe war dreimal in der Innerschweiz und beschäftigte sich 1797 selbst mit der Sage; ob er den Stoff Schiller überliess oder Schiller ihn sich nahm, ist nicht bekannt. Schillers Wilhelm Tell wurde am 17. März 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt, unter der Regie Goethes, der damals das Theater leitete. Das Buch erschien bei Cotta in Tübingen als „Neujahrsgeschenk auf 1805“.
Viele Sätze aus dem Stück sind in die Alltagssprache eingegangen: die Axt im Haus, der kluge Mann, der vorbaut, die hohle Gasse — oben alle im Wortlaut der Erstausgabe, mit Seite. Unter anderem wegen des gerechtfertigten Tyrannenmords liess Hitler das Stück im Juni 1941 für Bühne und Schule verbieten. 2004, zum zweihundertsten Jubiläum, spielte das Deutsche Nationaltheater Weimar es zum ersten Mal auf dem Rütli.
Die Orte
- Altdorf, wo der Hut auf der Stange hing. Seit 1895 steht dort Richard Kisslings Telldenkmal: Tell mit geschulterter Armbrust und sein Sohn Walther, auf dem Sockel die Jahreszahl 1307 und Schillers Vers „Erzählen wird man von dem Schützen Tell, so lang die Berge stehn auf ihrem Grunde“.
- Das Rütli, die Wiese über dem Urnersee, auf der die Eidgenossen den Bund beschworen haben sollen.
- Die Tellsplatte am Urnersee, wo Tell aus dem Boot gesprungen sein soll. Eine Kapelle stand hier schon 1388; die heutige Tellskapelle von 1879/80 trägt vier Fresken von Ernst Stückelberg: Apfelschuss, Tellsprung, Gesslers Tod und Rütlischwur.
- Die Hohle Gasse zwischen Küssnacht und Immensee, früher die Strasse, seit 1937 umfahren. Schweizer Schulkinder sammelten 1934 das Geld für die Stiftung, die sie erhält.
Rossinis Guillaume Tell
Gioachino Rossini plante Guillaume Tell schon beim Komponieren als seine letzte Oper. Sie wurde am 3. August 1829 an der Pariser Oper uraufgeführt. Mit rund vier Stunden Musik und einer sehr hohen Tenorpartie ist sie schwer zu besetzen, und schon nach drei Vorstellungen wurde gekürzt. Weltberühmt ist die Ouvertüre in vier Teilen, mit einem Gewitter und dem lebhaften „Marsch der Schweizer Soldaten“ am Schluss.
Was davon frei ist, und was nicht
Alles, was die Sage berühmt gemacht hat, ist frei: das Weisse Buch, das Tellenlied, Etterlins Holzschnitt, Tschudi, Schiller, Rossinis Oper samt Ouvertüre, Stückelbergs Fresken, Kisslings Denkmal in Altdorf, Hodlers Bild. Wer heute einen Tell auf die Bühne bringt, steht in einer Reihe mit den Tellspielen in Altdorf und Interlaken.
Geschützt ist Max Frischs „Wilhelm Tell für die Schule“ (1971), der die Sage gegen den Strich bürstet: bis Ende 2061.
Aus dem Text
Wörtlich aus der gemeinfreien Fassung — frei zum Zitieren, Vorlesen und Weiterverwenden.
Das fügt sich vf ein mal das der landvögt der gesler gan vre für/ vnd namm für/ vnd stagt ein stecken vnder die linden ze vure/ vnd leit ein huot vf den stecken
Der kluge Mann baut vor.
Was Hände bauten, können Hände stürzen. / Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.
Der Starke ist am mächtigsten allein.
Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern, / In keiner Noth uns trennen und Gefahr.
Früh übt sich, was ein Meister werden will.
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
Erzählen wird man von dem Schützen Tell, / Solang die Berge stehn auf ihrem Grunde.
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich — Euch, / Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
Durch diese hohle Gasse muß er kommen, / Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht —
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
Mehr Bilder, alle gemeinfrei















Was davon frei ist
Nicht die Figur ist frei oder geschützt, sondern jede Schicht für sich: der Text, die Zeichnungen, eine Übersetzung, ein Film, eine Marke. Die Tabelle zerlegt das, mit Beleg je Zeile.
| Schicht | CH | DE | AT | US |
|---|---|---|---|---|
| Das Weisse Buch von Sarnen, die erste FassungHans Schriber, Landschreiber in Obwalden · 1470–1472Über 500 Jahre alt. Die Handschrift liegt im Staatsarchiv Obwalden; frei ist der Text, eine heutige Edition ist die Arbeit ihrer Herausgeber:innen.Weisses Buch von Sarnen | frei | frei | frei | frei |
| Chronicon HelveticumAegidius Tschudi († 1572) · um 1550, gedruckt 1734–36Wilhelm Tell | frei | frei | frei | frei |
| Das Tellenlied und das Urner Tellenspielanonym · um 1477 und 1512/13Anonym und über 500 Jahre alt.Wilhelm Tell | frei | frei | frei | frei |
| Der Holzschnitt in Etterlins KronicaDaniel Schwegler zugeschrieben (um 1480 – um 1546) · 1507Gedruckt 1507; jede Frist ist seit Jahrhunderten abgelaufen.Etterlin Apfelschuss 1507.jpg | frei | frei | frei | frei |
| Wilhelm Tell, SchauspielFriedrich Schiller († 1805) · 1804Wilhelm Tell (Schiller) | frei | frei | frei | frei |
| Guillaume Tell, OperGioachino Rossini († 1868), Libretto Étienne de Jouy († 1846) und Hippolyte Bis († 1855) · 1829William Tell (opera) | frei | frei | frei | frei |
| Die Fresken der TellskapelleErnst Stückelberg († 1903)Tellskapelle | frei | frei | frei | frei |
| Das Telldenkmal in AltdorfRichard Kissling († 1919) · 1895Telldenkmal | frei | frei | frei | frei |
| Das Gemälde „Wilhelm Tell“Ferdinand Hodler († 1918) · 1897Hodler Tell 1897.jpg | frei | frei | frei | frei |
| Wilhelm Tell für die SchuleMax Frisch († 1991) · 1971Wilhelm Tell — Rezeption | geschützt bis Ende 2061 | geschützt bis Ende 2061 | geschützt bis Ende 2061 | geschützt bis Ende 2066 |
Gerechnet für das Jahr 2026. CH, DE, AT: 70 Jahre nach dem Tod, gerechnet ab dem 31. Dezember; USA: bis 1977 veröffentlicht: 95 Jahre ab Veröffentlichung (17 U.S.C. § 304); bis 1963 bei US-Werken nur mit erneuerter Registrierung, ausländische Werke sind seit 1996 auch ohne Erneuerung geschützt (§ 104A). „frei" ohne Jahr heisst: frei, aber das Jahr folgt nicht sicher aus der heutigen Regel, weil die Fristen früher kürzer waren. „offen" heisst: die Rechnung reicht nicht, der Grund steht in der Zeile.
Daraus wurde schon gemacht
- Guillaume Tell, Oper von Gioachino Rossini, Paris Oper, 1829
- Urner Tellenspiel Theater, 1512/13
- Tellspiele Altdorf Freilichttheater, seit 1898
- Tellspiele Interlaken Freilichttheater, seit 1912
- Max Frisch, Wilhelm Tell für die Schule Erzählung, 1971
In den anderen Nachschlagewerken
- Friedrich Schiller zeitranke
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Quellen
- Wilhelm Tell. Schauspiel von Schiller (1804)Deutsches Textarchiv — Erstausgabe, Volltext und Scansabgerufen 29.09.2026
- Wilhelm Tell (Schiller)Wikipedia (de) — Uraufführung Weimar 1804, Verbot 1941, Rütli 2004abgerufen 29.09.2026
- TellskapelleWikipedia (de)abgerufen 29.09.2026
- TelldenkmalWikipedia (de) — Altdorf 1895, Inschriftabgerufen 29.09.2026
- Hohle GasseWikipedia (de)abgerufen 29.09.2026
- William Tell (opera)Wikipedia (en) — Uraufführung 3. August 1829, Ouvertüreabgerufen 29.09.2026
- Wilhelm TellWikipedia (de) — Sage, Historizität, Apfelschuss bei Saxoabgerufen 28.09.2026
- Weisses Buch von SarnenWikipedia (de)abgerufen 28.09.2026
- Aegidius Tschudi (Q380654), Friedrich Schiller (Q22670), Gioachino Rossini (Q9726), Richard Kissling (Q120459), Ferdinand Hodler (Q214564)Wikidata (CC0) — Lebensdatenabgerufen 28.09.2026
Stand 29. September 2026. Wikidata: Q30908. Keine Rechtsberatung — wie wir prüfen.
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