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Stoff

Wilhelm Tell

Stoff ohne einzelne Urheber:in · 10 Fassungen und Schichten

Der Armbrustschütze, der den Hut des Landvogts nicht grüsst und einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiesst — die Schweizer Gründungssage.

  • Typ Held
  • Typ Rebell
  • Motiv Der Apfelschuss
  • Motiv Widerstand gegen die Obrigkeit
  • Epoche Spätmittelalter bis Gegenwart
Ferdinand Hodler, Wilhelm Tell, 1897 — Kunstmuseum Solothurn
Ferdinand Hodler, Wilhelm Tell, 1897 — Kunstmuseum SolothurnFerdinand Hodler, 1897 · Public domain · Commons

Der Stoff

Der Landvogt Gessler lässt in Altdorf einen Hut auf eine Stange stecken, den jeder grüssen muss. Tell geht vorbei, ohne zu grüssen, und muss zur Strafe einen Apfel vom Kopf seines Kindes schiessen. Er trifft, gibt aber zu, dass ein zweiter Pfeil dem Vogt gegolten hätte. Auf dem Weg in die Haft rettet er sich im Sturm auf dem See mit einem Sprung auf die Tellsplatte und erschiesst Gessler später in der Hohlen Gasse bei Küssnacht.

Wie die Sage aufgeschrieben wurde

Zum ersten Mal steht die Geschichte im Weissen Buch von Sarnen, einem Kopialbuch, das der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber zwischen 1470 und 1472 anlegte und 1474 ergänzte — rund 150 Jahre nach den Ereignissen, die sie erzählt. Den grössten Teil füllen Abschriften von Bündnissen und Verträgen; erst am Schluss, auf 24 Seiten, folgt eine Chronik: die Gewalttaten der Vögte, Tell, der Rütlischwur, der Burgenbruch. Hier erscheinen Tell und der Rütlischwur zum ersten Mal, und hier wurden die Erzählungen erstmals zu einer Geschichte der Befreiung zusammengefügt. Der Held heisst im Weissen Buch noch „der Thäll“ oder „der Tall“, und sein Kind hat kein Geschlecht. Die Handschrift liegt heute im Staatsarchiv Obwalden; seinen Namen hat das Buch vom weissen Einband aus Schweinsleder, der erst aus dem 17. Jahrhundert stammt.

Um 1477 taucht Tell im Tellenlied auf, dem „Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft“: hier ist das Kind ausdrücklich ein Sohn, und Tell heisst „der erste Eidgenoss“. Ab 1512 spielte man die Sage in der Innerschweiz auf der Bühne; das Urner Tellenspiel, vermutlich im Winter 1512/13 in Altdorf aufgeführt, ist das älteste erhaltene Stück. 1507 erschien Petermann Etterlins Kronica, die erste gedruckte Schweizer Chronik, mit dem Apfelschuss als Holzschnitt — die älteste datierte Darstellung der Sage. Den Vornamen Wilhelm und die Jahreszahl 1307 fügte Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert hinzu; den Vornamen nahm er aus dem Tellenlied. Die Namen Walther für den Sohn und Hermann für Gessler kamen erst mit Schiller.

Ein Held, den es wohl nicht gab

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gilt Tell in der Geschichtswissenschaft als Sagenfigur: es fehlen zeitgenössische Belege. Und der Apfelschuss ist älter als die Schweiz: Saxo Grammaticus erzählt ihn um 1200 vom dänischen Schützen Toko, samt zweitem Pfeil, und das Weisse Buch hat ihn von dort.

Schillers Tell

Goethe war dreimal in der Innerschweiz und beschäftigte sich 1797 selbst mit der Sage; ob er den Stoff Schiller überliess oder Schiller ihn sich nahm, ist nicht bekannt. Schillers Wilhelm Tell wurde am 17. März 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt, unter der Regie Goethes, der damals das Theater leitete. Das Buch erschien bei Cotta in Tübingen als „Neujahrsgeschenk auf 1805“.

Viele Sätze aus dem Stück sind in die Alltagssprache eingegangen: die Axt im Haus, der kluge Mann, der vorbaut, die hohle Gasse — oben alle im Wortlaut der Erstausgabe, mit Seite. Unter anderem wegen des gerechtfertigten Tyrannenmords liess Hitler das Stück im Juni 1941 für Bühne und Schule verbieten. 2004, zum zweihundertsten Jubiläum, spielte das Deutsche Nationaltheater Weimar es zum ersten Mal auf dem Rütli.

Die Orte

Rossinis Guillaume Tell

Gioachino Rossini plante Guillaume Tell schon beim Komponieren als seine letzte Oper. Sie wurde am 3. August 1829 an der Pariser Oper uraufgeführt. Mit rund vier Stunden Musik und einer sehr hohen Tenorpartie ist sie schwer zu besetzen, und schon nach drei Vorstellungen wurde gekürzt. Weltberühmt ist die Ouvertüre in vier Teilen, mit einem Gewitter und dem lebhaften „Marsch der Schweizer Soldaten“ am Schluss.

Was davon frei ist, und was nicht

Alles, was die Sage berühmt gemacht hat, ist frei: das Weisse Buch, das Tellenlied, Etterlins Holzschnitt, Tschudi, Schiller, Rossinis Oper samt Ouvertüre, Stückelbergs Fresken, Kisslings Denkmal in Altdorf, Hodlers Bild. Wer heute einen Tell auf die Bühne bringt, steht in einer Reihe mit den Tellspielen in Altdorf und Interlaken.

Geschützt ist Max Frischs „Wilhelm Tell für die Schule“ (1971), der die Sage gegen den Strich bürstet: bis Ende 2061.

Aus dem Text

Wörtlich aus der gemeinfreien Fassung — frei zum Zitieren, Vorlesen und Weiterverwenden.

Das fügt sich vf ein mal das der landvögt der gesler gan vre für/ vnd namm für/ vnd stagt ein stecken vnder die linden ze vure/ vnd leit ein huot vf den stecken
Die älteste Fassung. Weisses Buch von Sarnen, S. 447, um 1470–1474 — Transkription nach der Bildseite auf Wikimedia Commons
Der kluge Mann baut vor.
Gertrud zu Stauffacher. Schiller, Wilhelm Tell, I. Aufzug, 2. Scene — Erstausgabe 1804, S. 22
Was Hände bauten, können Hände stürzen. / Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.
Tell vor der Zwingburg Uri. I. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 30
Der Starke ist am mächtigsten allein.
Tell zu Stauffacher. I. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 34
Wir wollen seyn ein einzig Volk von Brüdern, / In keiner Noth uns trennen und Gefahr.
Der Rütlischwur. II. Aufzug, 2. Scene — Erstausgabe 1804, S. 101
Früh übt sich, was ein Meister werden will.
Tell zu Hedwig. III. Aufzug, 1. Scene — Erstausgabe 1804, S. 104
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
Tell. III. Aufzug, 1. Scene — Erstausgabe 1804, S. 106
Erzählen wird man von dem Schützen Tell, / Solang die Berge stehn auf ihrem Grunde.
Nach dem Apfelschuss. III. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 147. Heute auf dem Telldenkmal in Altdorf
Mit diesem zweiten Pfeil durchschoß ich — Euch, / Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,
Tell zu Geßler. III. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 148
Durch diese hohle Gasse muß er kommen, / Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht —
IV. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 184
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, / Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
Tell in der Hohlen Gasse. IV. Aufzug, 3. Scene — Erstausgabe 1804, S. 192

Mehr Bilder, alle gemeinfrei

Die älteste Tellgeschichte: Seite 447 des Weissen Buches von Sarnen, geschrieben um 1470–1474 — „Das fügt sich vf ein mal das der landvögt der gesler gan vre für …“
Die älteste Tellgeschichte: Seite 447 des Weissen Buches von Sarnen, geschrieben um 1470–1474 — „Das fügt sich vf ein mal das der landvögt der gesler gan vre für …“Hans Schriber, Landschreiber von Obwalden, 1474 · Public domain · Commons
Der Apfelschuss in Petermann Etterlins Chronik, 1507 — die älteste datierte Darstellung der Sage. Holzschnitt, Daniel Schwegler zugeschrieben
Der Apfelschuss in Petermann Etterlins Chronik, 1507 — die älteste datierte Darstellung der Sage. Holzschnitt, Daniel Schwegler zugeschriebenDaniel Schwegler (ca. 1480 - ca. 1546), 1507 · Public domain · Commons
Titelblatt von Etterlins „Kronica“, der ersten gedruckten Schweizer Chronik, 1507
Titelblatt von Etterlins „Kronica“, der ersten gedruckten Schweizer Chronik, 1507Petermann Etterlin, 1507 · Public domain · Commons
Tell im kolorierten Kupferstich von Christian Müller — Schillers Erstausgabe, 1804
Tell im kolorierten Kupferstich von Christian Müller — Schillers Erstausgabe, 1804Christian Müller, 1804 · Public domain · Commons
Friedrich Schiller im Jahr des „Tell“ — Zeichnung von Friedrich Georg Weitsch, 1804
Friedrich Schiller im Jahr des „Tell“ — Zeichnung von Friedrich Georg Weitsch, 1804Friedrich Georg Weitsch, 1804 · Public domain · Commons
Rossinis „Guillaume Tell“ — Titelblatt eines Klavierauszugs mit deutschem Text, 1829
Rossinis „Guillaume Tell“ — Titelblatt eines Klavierauszugs mit deutschem Text, 1829unbekannt, 1829 · Public domain · Commons
Kostümentwürfe zur Uraufführung an der Pariser Oper 1829: Mathilde, Arnold Melchtal, Walter Fürst — Eugène Du Faget
Kostümentwürfe zur Uraufführung an der Pariser Oper 1829: Mathilde, Arnold Melchtal, Walter Fürst — Eugène Du FagetEugène Du Faget, 1829 · Public domain · Commons
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Rossinis Oper, zweiter Akt — Blatt nach Pierre-Luc-Charles Cicéri, 1829Pierre-Luc-Charles Cicéri, 1829 · Public domain · Commons
Der Tellsprung im Sturm — Ernst Stückelberg, um 1879
Der Tellsprung im Sturm — Ernst Stückelberg, um 1879Ernst Stückelberg · Public domain · Commons
Der Apfelschuss — Stückelbergs Fresko in der Tellskapelle, Reproduktion 1902
Der Apfelschuss — Stückelbergs Fresko in der Tellskapelle, Reproduktion 1902Ernst Stückelberg Robert Leemann, 1902 · Public domain · Commons
Der Rütlischwur — Stückelbergs Fresko in der Tellskapelle, Reproduktion 1902
Der Rütlischwur — Stückelbergs Fresko in der Tellskapelle, Reproduktion 1902Ernst Stückelberg Robert Leemann, 1902 · Public domain · Commons
Das Telldenkmal in Altdorf von Richard Kissling, eingeweiht 1895 — Photochrom um 1890–1900
Das Telldenkmal in Altdorf von Richard Kissling, eingeweiht 1895 — Photochrom um 1890–1900Photochrom Print Collection · Public domain · Commons
Die Tellsplatte am Urnersee mit der Tellskapelle, 1896/97
Die Tellsplatte am Urnersee mit der Tellskapelle, 1896/97unbekannt · CC0 · Commons
Das Rütli über dem Urnersee — Photochrom um 1890–1900
Das Rütli über dem Urnersee — Photochrom um 1890–1900Photochrom Print Collection · Public domain · Commons
Die Hohle Gasse bei Küssnacht mit der Tellskapelle — Photochrom um 1890–1900
Die Hohle Gasse bei Küssnacht mit der Tellskapelle — Photochrom um 1890–1900Photochrom Print Collection · Public domain · Commons

Was davon frei ist

Nicht die Figur ist frei oder geschützt, sondern jede Schicht für sich: der Text, die Zeichnungen, eine Übersetzung, ein Film, eine Marke. Die Tabelle zerlegt das, mit Beleg je Zeile.

SchichtCHDEATUS
Das Weisse Buch von Sarnen, die erste FassungHans Schriber, Landschreiber in Obwalden · 1470–1472Über 500 Jahre alt. Die Handschrift liegt im Staatsarchiv Obwalden; frei ist der Text, eine heutige Edition ist die Arbeit ihrer Herausgeber:innen.Weisses Buch von Sarnenfreifreifreifrei
Chronicon HelveticumAegidius Tschudi († 1572) · um 1550, gedruckt 1734–36Wilhelm Tellfreifreifreifrei
Das Tellenlied und das Urner Tellenspielanonym · um 1477 und 1512/13Anonym und über 500 Jahre alt.Wilhelm Tellfreifreifreifrei
Der Holzschnitt in Etterlins KronicaDaniel Schwegler zugeschrieben (um 1480 – um 1546) · 1507Gedruckt 1507; jede Frist ist seit Jahrhunderten abgelaufen.Etterlin Apfelschuss 1507.jpgfreifreifreifrei
Wilhelm Tell, SchauspielFriedrich Schiller († 1805) · 1804Wilhelm Tell (Schiller)freifreifreifrei
Guillaume Tell, OperGioachino Rossini († 1868), Libretto Étienne de Jouy († 1846) und Hippolyte Bis († 1855) · 1829William Tell (opera)freifreifreifrei
Die Fresken der TellskapelleErnst Stückelberg († 1903)Tellskapellefreifreifreifrei
Das Telldenkmal in AltdorfRichard Kissling († 1919) · 1895Telldenkmalfreifreifreifrei
Das Gemälde „Wilhelm Tell“Ferdinand Hodler († 1918) · 1897Hodler Tell 1897.jpgfreifreifreifrei
Wilhelm Tell für die SchuleMax Frisch († 1991) · 1971Wilhelm Tell — Rezeptiongeschützt bis Ende 2061geschützt bis Ende 2061geschützt bis Ende 2061geschützt bis Ende 2066

Gerechnet für das Jahr 2026. CH, DE, AT: 70 Jahre nach dem Tod, gerechnet ab dem 31. Dezember; USA: bis 1977 veröffentlicht: 95 Jahre ab Veröffentlichung (17 U.S.C. § 304); bis 1963 bei US-Werken nur mit erneuerter Registrierung, ausländische Werke sind seit 1996 auch ohne Erneuerung geschützt (§ 104A). „frei" ohne Jahr heisst: frei, aber das Jahr folgt nicht sicher aus der heutigen Regel, weil die Fristen früher kürzer waren. „offen" heisst: die Rechnung reicht nicht, der Grund steht in der Zeile.

Daraus wurde schon gemacht

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Quellen

Stand 29. September 2026. Wikidata: Q30908. Keine Rechtsberatung — wie wir prüfen.